LEBEN & GENIESSEN

Von Still-Bluse bis Kinderbett: Der Mama Styleguide

Das Wetterhoch der letzen Woche hat mich jeden einzelnen Tag rausgelockt. Wie kann man auch anders, wo wir so lang auf Sonnenschein am Stück gewartet haben. Das dachten sich eine Menge Berliner und quetschten sich auf den letzten grünen Zipfel auf der Parkwiese. Darauf hab ich verzichtet und mich stattdessen unter die Mütter von Prenzelberger oder Mitte Spielplätzen gemogelt. Der Szenewechsel war spannend. So einiges lief mir dort vor die Nase. Babys, die komplett eingehüllt in Tragetücher hin- und her geschuckelt wurden, wo ich beim Anblick schon seekrank wurde. Ein Toddler-Mädchen, das sich stundenlang ganz allein mit einem Bobbycar bei Laune halten konnte. Mütter mit Filztaschen und solche, die selbst mit Schwangerschaftsbeule und Kleinkind an der Hand eine Ausstrahlung an den Tag legen, wo ich mit zugespitzten Augen überlegen musste, wer da mehr strahlte: Die Sonne oder diese sympathische Frau vor Mutterglück. „Wie schaffen die das?“, frag ich mich da, noch weit entfernt vom Mommysein, aber mit bewundernder Neugier. Was sind die ganzen Tricks gegen Möhre-Pastinake-Breiflecken auf dem Top und so tiefe Augenringe, als hätten die kleinen mit dem dicksten Edding einmal unter Mamas Lid einen Halbkreis gezogen? Eine Hand voll Antworten kamen prompt per Post in meinen Briefkasten geflattert. Schön bebildert von meiner Foto-Heldin Jules, wohl sortiert und gut bebunden – im coolsten Mamabuch, das mir je in die Finger gekommen ist.

Auch wenn der Untertitel etwas mehr verspricht, ist nach zwei Lesennachmittagen klar: Im Mama Styleguide dreht sich in erster Linie alles um Mode. Oder besser: Was Mama im Spagat zwischen Kinder, Haushalt und Karriere daraus machen kann. Das Resultat ist Dank Mom-Blogs natürlich kein Novum mehr: Die Mamas von heute tragen Outfits, bei denen Alltagstauglichkeit und Stilbewusstsein in Symbiose miteinander treten. Outfits, die ein selbstbewusstes Mutterbild der neuen Generation proklamieren. Alle 20 Portraits im Buch bezeugen das – aber auf ihre Weise. Darum ist der Styleguide weder Fingerzeig noch Rezeptbuch für gutaussehende Mütter, auch wenn Modejournalisten die Tricks der Supermamas zum Nachmachen gut zusammenfassen.  Eher ist der Guide ein Sammelwerk an Schlüssellochmomenten. An kurzen Einblicken in das einzigartige Familienleben 20 ganz verschiedener Müttern, die ihren persönlichen Weg gefunden haben, mit Herausforderungen im Alltag umzugehen und Elternglück auszukosten. Aus all dem darf man sich die passenden Rosinen herauspicken und sich fürs eigene Mamaleben inspirieren lassen.

Ab der Mitte des 220 Seiten schweren Wälzers begibt man sich als Leser auf anderes Terrain. Genauer: in das Zuhause von fünf Mamas und ihren Familien. Man ist Seite für Seite Gast mit neugierigen Augen und erfährt hier und da praktische Tipps für kindertaugliches Wohnen (Stichwort: Flecken auf dem Sofa oder Spielzeugexplosionen). Eines der Interiors war mir besonders vertraut: die Dreizimmerwohnung der F-Schwester. Ja, so wohnen Marie und Junio. Und deshalb kann ich sagen: Was im Styleguide zu sehen ist, ist authentisch. Kein extra Schöngeschminke für die Kamera, nur ein Lächeln.

Zu guter Letzt empfehlen Janine und Jules noch beeindruckende Shops, Blogs und Instagram-Accounts. Ob die in ein paar Jahren noch interessant sind, wenn man den Guide mal wieder aus dem Regal zieht, bleibt fraglich. In jedem Fall sind es die wissenswerten Tipps für werdende Mütter, die Janine im Buch Wasserfarben-illustriert verteilt. Und zum Glück sind sie es nicht nur heute, die Tipps werden es auch noch übermorgen bleiben. Deswegen, aber vor allem weil die Autorinnen den Spaß am Leben mit Kind so wunderbar einfangen: Den Mama Styleguide verschenke ich gleich zur nächsten Babyshower. Endlich ein cooles Geschenk statt nur olle Windeltorten und peinliche Nippelcreme.

 

Janine Dudenhoffer (Text) und Jules Villbrandt (Fotos)
Der Mama Styleguide – Mode-, Wohn- und Lebensstil mit Kind
Knesebeck Verlag . 2016

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INTERIOR & DESIGN

Berlins schönste Fundgruben

Unbestreitbar, ich bin auch einer dieser Jäger nach Orten und Läden, die einem dem Atem rauben. Eben atemberaubend schön sind. Wenn jemand eine nennenswert große und vorzeigbare Fangbeute aufweisen kann, dann ist es Anne von AnneLiWest. Sie scheint in Berlin alle Topspots und Geheimtipps zu kennen. 

Den handfesten Beweis gibt es nun in gesammelter und gebundener Form mit einem Namen, der nicht besser passen könnte: Berlin’s Finest – 50 inspirierende Designläden. In dem dritten Band der Berlin’s Finest-Reihe präsentiert Anne ausgewählte Lieblingsläden in Bild und Text.  Ich habe die 160 Seiten  ja innerhalb von einem langen Nachmittag und zwei Kaffees verschlungen! Anne schreibt Seite für Seite so bildhaft von den Läden und ihren Besitzern, dass ich mich nicht halten konnte. Sie erzählt deren persönliche Geschichten – kleine Anekdoten, die man als normaler „Reinschnupperer“ oder stiller Käufer nie zu Ohr bekommen würde. 

Die Konzeption des Buches ist durchweg übersichtlich un doch ab und an mit Überraschungen versehen. Alphabetisch geordnet wird der Leser auf Tour durch alle Läden genommen. Wichtige Infos wie Adresse, Bezirk, Öffnungszeiten und Onlineauftritt werden jeweils auf einem Blick zusammengefasst und Icons zeigen, ob in den jeweiligen Länden eben Möbel, Dekoobjekte oder gar Porzellan/Glas verkauft werden. Außerdem können Shoppinglüsterne mit klarem Beuteziel mit Hilfe des Produktkategorien-Register, welches das Buch abschließt, ihr Fangrevier einkreisen. Unglaublich praktisch! Besonders für alle, die nicht nur auf Besuch in der Stadt sind, sondern hier fest wohnen. Und was sind nun die besagten Überraschungen? Der Flow, von einem schönen Laden zum nächsten zu blättern, wird regelmäßig erfrischt – sei es durch ein spannendes Interview mit „muse store“-Besitzer Jörg Klambt, eine Upcycling-Plädoyer oder eine Übersicht zu Berlins bedeutestens Design Events.

Ich finde ja: Ein toller Überblick über die bunte Kreativszene der Hauptstadt und deren Geschäftsleute! Ein perfekter Guide durch Berlin für Design- und Einrichtungsliebhaber (egal ob Tourist oder  Einheimischer), der dem Wallpaper und Louis Vuitton Guides in Sachen Shopping  durchaus Konkurrenz machen kann. Nur die Buchgestaltung hinkt dem Designpotential des Buchinhaltes weit hinterher. Aber dann doch lieber so: Mehr Sein als Schein.

Berlin’s Finest, 50 inspirierende Designläden
Auswahl, Texte und Fotos von Annemone Schütz
14,95 EUR, Edition Braus, Berlin 2015

www.editionbraus.de
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LEBEN & GENIESSEN

Ein Leben lang

Als ich letztlich im Suicide Sue durch die Dummy-Ausgabe vom Sommer 2014 blätterte, bin ich bei der Fotostrecke von Sibille Fendt hängen geblieben. Oder was es treffender beschreibt: Erstarrt! Die Dokumentarfotografien ließen mein Herz kurz aussetzen, als ich die Geschichte hinter der ästhetischen Anmutung erfuhr.

Fendts Motive sind nämlich das Ehepaar Lothar und Elke Gärtner. Ihr Leben lang zusammen, diagnostizierte man 2006 Demenz bei Elke. Obwohl sie ihren Mann nicht mehr erkennt, vergessen hat, welche Rolle er in ihrem Leben gespielt, welche Gefühle und Momente die beiden verbunden hat; beschloss Lothar seine Frau bis an ihr Lebensende zu pflegen. Vor der Krankheit sind beide ihr Leben lang mit dem Wohnwagen durch Europa gereist. Im Sommer 2008 wagte Lothar eine letzte große Tour mit seiner Frau.
Fendt dokumentierte sie auf dieser Reise durch Polen, Lithauen, Lettland und Estland bis nach St. Petersburg. Ihre Fotos halten die Orte aber nur unterschwellig fest. Vielmehr sind sie Zeuge der besonderen Beziehung der beiden zueinander.

Für mich sind die Fotografien Beweismaterial. Dokumente, dass es sie tatsächlich gibt: Die Liebe, die einen Leben lang hält, und an der man festhält, selbst wenn man am liebsten loslassen würde.

Theresa Bäuerlein ist eine der Suchenden: „Was sich bei mir nicht änderte, war die Sehnsucht, jemand zu finden, mit dem ich mein ganzes Leben verbringen wollte. Ob es an dem Vorbild meiner Eltern lag, den Filmen oder Büchern, die ich konsumiere, oder an einem gesellschaftlichen Anspruch, der zu mir durchsickerte: Bereits als Kind wusste ich, dass eine lebenslange Liebe eines der größten Werke war, die ein Mensch zustande bringen kann.“ Diese Sätze hatte ich im Feburar 2010 irgendwo abgeschrieben, weil ich mich darin wieder gefunden hab.

Dass es ein Werk sein muss, vermute ich wenn ich nach links und rechts schaue: Auf der einen Seite die befreundeten Paare, die sehr jung geheiratet haben – der erster Freund war dann der Ehepartner – und dem Gegenüber unzählige Freunde mit geschiedenen Eltern und auch solche, deren eigene Ehe gescheitert ist oder die nun in der zehnten Beziehung stecken. Zwischen den beiden Kontrasten schwirren wohl bei allen Menschen Fragen. Viele. Die prägnanteste davon: Wie erreicht man dieses Beziehungswunder? Denn wir wissen, dass du bist. Dass du existierst, lebenslange Liebe.

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Weitere Eindrücke von „Gärtners Reise“ hier. Oder so mit Blättern statt Klicken.

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Herbei

Im Moment bin ich ein lausiger Blogger. Dabei hätte ich so viel aus meiner beginnenden Abschlussarbeit zu berichten. Angefangen von europäischer Esskultur, Kaffeeextraktion und Genuss, über meine Arbeit in der Karamikwerkstatt oder – ein Novum für mich – mit Glas und Edelmetall.  Meinen Inspirationsschub für Tassen und Teller habe ich bereits mit euch geteilt. Heute möchte ich euch Einblick  in ein großartiges Buch über DAS Besteck der Esskultur schlechthin gestatten. Seiten auf für Herbei, herbei, was Löffel sei… 

Herman Jünger zeigt in diesem Buch seine private Sammlung an Löffeln verschiedenster Jahrhunderte, Herkunftsländer, Größe, Form und Materialitäten. Die Fotos kommen gepaart mit Verschriftlichungen verschiedenster Redensarten rund um den Löffel. Dabei trifft die stark analytische Natur der Abbildungen auf charakterstarke Handschriften und verleiht dem Katalog so eine ganz besondere Note. „Ein poetisches Schau- und Lesebuch“ fasst es der Verlag selbst gut zusammen. 

Ich habe mich mit Gestalterkollegen anstecken lassen, eigene Löffel zusammen getragen und gestaunt über die Diversität und Schönheit eines so funktionalen, aber grundlegend simplen Dings. Trotz ästhetischer Eindruckskraft von Karnagels Design für die Businessclass der Lufthansa und dem Pott 35, mein Liebling bleibt nur einer.

Aller Löffelinspiration zur Folge mache ich mich nun selbst an einen. Kupfer wird geschnitten, behämmert und beschlagen. Es wird geglüht, immer wieder zwischendurch. Gesandet und geschmirgelt. Ich denk‘ zwischendrin an Anna von WSAKE und frage mich, ob es in ihrer Werkstatt fast genauso vor sich geht. Ob Löffel und Ringe noch mehr als Rundungen gemeinsam haben? Ob sie auch einen Tag an ein und demselben Stück werkeln? Jedenfalls schätze ich auch ohne Antworten das geduldige Handwerk mehr und mehr, ganz besonders Präzision in Auge und Hand derer, die es wirklich verstehen.

Ich verabschiede mich bis zum nächsten Post mit meinem Lieblingsspruch aus „Herbei, herbei“ und wünsch uns die Gelassenheit, die er inne hat:  Man muss es nehmen, wie’s der Löffel gibt.

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Der Ofen ist noch warm

Jetzt, wo ich mich in der Zeit zwischen überstandenen Deadlines und dem finalen Projektstart befinde, hat jeder Tag sein eigenes Tempo. Meist mehr schleichend und schneckend. Ganz langsam starte ich in den Tag. Wer auch ab und an hier liest, hat schon mitbekommen, dass ich die Morgenstunden ausgedehnt zelebriere. Ein großes Glas Wasser nach dem Aufstehen. Einen Kaffee nach der Dusche. Anschließend werden Mehl und Co. zusammen gemischt, ausgiebig geschlemmt und eine doppelte Runde gestrickt. So kann der Tag starten. Ab Zwölf. Frühstens.

Morgen für Morgen backe ich backe mich nun durch Cynthia Barcomis Backen – I love backing. Nachdem meine Sandkastenfreundin durch die Rezepte geblättert hat und ich ihr alle aufzählen sollte, die ich bereits ausprobiert, fiel die Backquote ärmlich aus. Ich hatte zwar schon oft à la Cynthia gebacken. Aber immer nur die selben vier Rezepte. Das scheint das traurige Schicksal viel zu vieler Back- und Kochbücher zu sein. Ich bin nun angespornt es Julia & Julia nach zu machen und mich durch ein Backbuch zu arbeiten.

Die Oatmeal Cookies wurden von den Strickladies gelobt. Ich selber bin jedoch bei den Blueberry Scones fast vor Geschmacksglück ausgeflippt. Noch nie sind mir die Scones so gut gelungen! So luftig. So locker. Jeder Bissen hat mich an das Sconefrühstück in Dublin denken lassen. Im Avoca, dem netten Café, wo jeder Tapetenstreifen ein anderes Muster hatte und die Teigrollen an den Wänden hingen. Wo unser Tisch ohne Reservierung irgendwie trotzdem für mich und den einen bestimmt war. 

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Volume Five

Diese Kinfolk Ausgabe ist nicht die neuste. Doch muss ich sie immer wieder lesen. Wegen diesen einen Text. Er ist einfach zu schön. Zu wahr. Zu gut geschrieben.

Ich hatte mir das Volume Five  bei einem Kochkurs im Goldhahn & Sampson gekauft. Kurz bevor ich mich auf nach Kopenhagen gemacht hab. Jetzt sind es zehn Monate später. Ich bin zurück. In Berlin und meiner Wohnung. Es ist wie noch einmal neu Einziehen. Die Wohnung so leer und tausend Kisten im Keller, die drei Etagen hinauf gebracht werden wollen. Aussortiert noch dazu. Denn eines hab ich während der zehn Monate Fernsein gelernt: Man braucht so wenig. So viel weniger als man denkt, was nur das nötigste sei. Und während ich noch schleppe, auspacke und dieses befreiende Gefühl beim Aussortieren auskoste, gewähre ich euch einen kurzen Einblick in das Magazin und dem Herzenstext.

Umgeblättert

Auszug, textlicher Natur

Die Autorin Austin Sailsbury hat ihr ganzes Haus in Kisten packen müssen, die einmal über den Ozean geschifft wurden. Von den USA nach Dänemark. Der Schritt in ein neues Leben und ein neues Zuhause lässt sie nachdenken, was Home denn wirklich heißt:

In Search of Home

Home. It’s a loaded word with a menagerie of meanings – commercialized, politicized, and romanticized. Few other ideas inspire such diverse emotions, such varied understandings, or such personal interpretations as the word „home“. Perhaps only the words „love“ and „God“ come close in their complexity, and for the same reason: they represent ideas that are too big for words …

We have always longed for our liberty, and because of that, we often undervalue where we come from. But this is „growing up“ or „making our way in the world“, this weaving together of old and new, this keeping the best of what made us who we are and, yet, making something of our own …

Earlier this month, we packed up all our things, the whole of our combined worldly possessions could me measured in thirteen curated boxes of life. By themselves, they are not a home, but these few things are a part of us, so they get to tag along …

Home is the landscape of people, places. and things upon which we live our lifes – but it is mostly about the people. That is why home can be a suburban neighborhood, or a struggling farm, or a ship at sea, or a war-torn nation. After all, home is where hearts are …

Aufgeblättert

 

Happy Sinterklaas! Und habt ein wunderbares Advetswochende!

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