UNTERWEGS

Vom Glück der Langeweile

Man hat nie Zeit, wenn man sich nicht Zeit nimmt, sich die Zeit zu nehmen

Dieser Spruch mag noch so affig klingen. Wie wahr er sein kann, hat vermutlich jeder schon einmal am eigenen Leib erfahren. Sich in einer Phase von hohem Workload und Zeitdruck eine Woche Urlaub zu gönnen, klingt nach einem unlogischen Plan. Denoch hab ich es gewagt. Ich hab mich frei von meinen hohen Ambitionen gemacht. Ich habe alle Aufgaben wie nasse, schwere Kleider von mir gestriffen. Das Ziel war klar: Sich leicht machen vom mentalen Muskelkater, die Gedanken lüften und neue Kraft tanken. Keine Frage – dieser Schritt hat Mut gekostet. Für ein Nein gegen die Erwartungen anderer und die eigenen Leistungsansprüche greift man tief in die Tasche. Doch das Preis-Leistung-Verhältnis stimmt. Wer sich die Zeit nimmt, sich Zeit zu nehmen, hat auf einmal eine Menge Zeit.

Ich hatte sie genau genommen vier Tage lang. 2 x 6 plus 2 x 24 Stunden. Auf Usedom. In Zinnowitz. Dort wo sich Anfang Mai 60 Stunden noch wie ein halbes Jahr anfühlt. Das Wetter wechselhaft und der Strand für Ostsee quasi leer. Die Mustsee-Liste war kurz (Strand, Düne, Seebrücke) und die Tage bestimmt davon, dass uns nicht mehr Aktivitäten als Spazierengehen und Faul-am-Strand-Liegen einfielen. Wir waren alsogelandet  in einer Oase des Nichtstun und Getriebensein ausschließlich von Langsamkeit und Zweisamkeit. Fast hatte ich vergessen, wie sich dieser Zustand anfühlt. Es war nur noch eine nebelige Erinnerung, wie ich als Schulkind während der Ferien nach meinem durchgelesenen Buch zu Tode gelangweilt habe. Damals hätte ich nie gewagt zu sagen, dass sich Langeweile so gut anfühlen kann. Glücksselig weich.

Glückselig weich ganz besonders dann, wenn ich barfuß durch den Sand spazierte. Oder auf dem unendlichen Moosteppich im frühlingsfrisch saftigen Wäldchen vor der Düne. Egal, wo wir lang liefen und hin sahen, wir durschreiteteten und erblickten nicht viel. Nur viel Leere: Leere Strandkörbe, eine leere Seebrücke, leere Dünenaufgänge, leere Waldwege. So viel natürliche Leere tat besser als jedes minimalistisch eingerichtete Apartment. Oder jedes weiße Blatt Papier. Sie ordnet Gedanken, fokussiert, holt mich wieder zu mir selbst zurück. Sie bringt ins innere Lot. 

Warum wagen wir die Schritte dort hinaus in die zweisame Einöde so wenig? Haben wir das Glück der Langeweile zu sehr vergessen?
Meine persönliche Antwort versteckt sich hinter meiner inneren Panik, nicht rechtzeitig zu schaffen, was geschafft werden muss. Angst hinterher zu hinken, Angst vor dem dicken Null auf dem Konto und der Jobkrise nach dem Studium. Typisch Generation Y? Maybe. In jeden Fall stelle ich mir die Warum-Frage. Denke um. Und so bekommt das typische „Aber ich muss doch …“ aktuell die Endung „… einfach mal nichts tun.“ Nur frei sein wie ein Vogel und ohne Gewissensbisse das Glück der Langeweile genießen. Ooooh ja! 

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